Jetzt – Zeit oder gewordenes als Ausdrucksmittel einer Naturmalerei

 

Jetzt – Zeit oder gewordenes als Ausdrucksmittel einer Naturmalerei

Dr. Dirk Tölke, Kunsthistoriker, Aachen, den 02.02.2014

    

   Tanja Rauschtenberger hat ein Augenmerk auf die Natur und ist unter den Elementen speziell vom Wasser fasziniert. In ihrer aktuellen Bildserie thematisiert sie das Meer, dem sie sich ganz real als Strandläuferin und als Taucherin genähert hat. Ihre Faszination drückt sich künstlerisch aus, d.h. sie verbindet Farbe, Form und Material zu einer Bildsprache, die etwas von ihrer Erfahrung mit dem Meer auf zeichenhafte Weise zum Ausdruck bringt, wobei sie auf eine lange Tradition symbolischer Mittel zurückgreifen kann. Neben diesem fokussierten und abstrahierten Kerngehalt des Naturphänomens und seiner Kraft geht es aber auch um die Verbildlichung einer Haltung zum Meer und den gemischten Gefühlen von Faszination und Sorge, denen die diesbezüglichen Erfahrungen einer reichen Flora und Fauna unter Wasser, einer turbulenten Wellenphysik, einer unendlichen Weite und einer durch den Menschen und seine Technik und Warenproduktion beeinträchtigten Umwelt zu Grunde liegen. Das Meer ist ein bislang nur zu 3 % erforschter Kosmos und es ist durch Umweltschäden bedroht.

In der Philosophie, etwa bei Karl Jaspers oder in der Poesie, etwa bei Siegfried Lenz, sind diese Wasserwelten ein Gleichnis für die Transzendenz und Unendlichkeit des Seins, für das Wagnis des Menschen, das Unbekannte zu ergründen. Die Küste, das Ufer ist die Zone, in der sich die Elemente, der Mensch und das Meer begegnen. Hier formen Wind und Wellen stetig und in langen Zeiträumen um, hier landet Strandgut an, hier ankern Boote und hier kommen Menschen im Naturerlebnis zu sich selbst und zu Sonnenbräune.

Dieser Zone widmen sich die Arbeiten von Tanja Rauschtenberger, die Malerei mit Assemblagen kombinatorisch verknüpfen, ohne in dieser Form der Objektcollage surreal zu werden. Der Reichtum und die emotionale Bereicherung der Natur werden in Farbe und Materie sichtbar.

Tanja Rauschtenberger hat an zahlreichen Stränden dieser Erde Sand gesammelt, der ganz unterschiedliche Färbungen aufweist und hat so ein Mittel gefunden den Reichtum und die Verschiedenheit der Natur zeichenhaft darzustellen. Dazu kommen Fundstücke und Strandgut, die sie vorrangig wegen ihrer gewordenen Struktur gesammelt hat. Diese Oberflächen haben Sonne und Witterung, Seegang und Chemie verändert und geformt, sie sind gezeichnet durch eine Struktur und Färbung, die Zeit gebraucht hat. Das kann man nicht mit frischen Malmaterialien adäquat imitieren. Die Aura des Alterungsprozesses, der Lebens- oder Verfallsgeschichte, des Gewordenen ist Teil der Objekte geworden.

Da Tanja Rauschtenberger in ihrem künstlerischen Werdegang von Textilien und gestalterischen Konzepten des Produkt- und Industriedesigns geprägt wurde, hat sich bei ihr eine Ausdruckstendenz verstärkt, die Struktur und Oberfläche besonders in den Blick nimmt. Dabei handelt es sich sowohl um die jeweils sichtbaren Außenformen, als auch um das durch den Produktionsprozess bekannte Geschehen unterhalb der Oberfläche, im speziellen Fall, also nicht nur um die Struktur von Fundstücken, Leinwandfarben oder Meeresoberflächen, sondern auch um sichtbare Schichtungen, assoziierbare Formwelten und die Welt in der Tiefe der Meere.

Textur, Struktur und Oberfläche, die in Textilien und Teppichmustern eine offensichtliche Rolle spielen, tun es auch in diesem Objektzyklus, bei dem es darum geht, die Natur genau zu beobachten und Bilder zu schaffen, in denen die Natur in einer allgemeinen Form eine Rolle spielt und zugleich darauf hingewirkt wird, sie im Detail zu beobachten. Sand von verschiedenen Stränden weltweit ist verarbeitet. Strukturen, Farben, Dinge, die hinzugefügt wurden, farblich sind verschleiert, verunklärt und verwoben: durch Wellen und Wind in der Realität und durch Farbvermengungen und –überlagerungen in der künstlerischen Bildanlage, aber immer so dezent, dass man den Eindruck hat, da ist Bewegung im formalen Strich der Farbsetzungen und an den Formgebungen der Objekte zu sehen, aber diese Bewegung scheint sehr langsam, mit der Zeit entstanden, nicht mit Willenskraft erwirkt.

Der flüssige Pinselduktus ist nicht persönliche Geste oder psychologisch motivierte pastose Linienzugempfindung, sondern steht für eine gemächliche und unpersönliche Bewegung, für eine abstrahierte Natur, die graphisch majestätisch selber malt bzw. als Rippenwellen den Strand plastisch verformt. Am ehesten ist die Naturanmutung in diesen Collagen mit designhaft anmutenden Signet-Elementen durch künstliche Eingriffe zur metaphorischen Folie reduziert, da es um Denk- und Empfindungsbilder geht.

Auch die Farbgebung hat diese Mischform von naturbelassenen Pigmentfarben und bewußter Hinwendung zur Grundfarbenpalette der klassischen Moderne. Die Naturanmutungen sind aus dem Farbton gestaltet und erwirken aus Siennagelb, Indigoblau, Terracottarot und Weiß einen eigenen, distanziert nüchternen Farbraum. In diesen nun passen sich die Fundstücke in ihrem ausgebleichten Charakter eigenständig und doch nicht fremd ein. Hier werden nicht realistische Strandformen, wie Pfähle oder Buhnen, Tiere oder geologische Formationen, Boote oder Netze eingefügt, sondern assoziative Zeichen, Bildbegriffe, die das Bildempfinden vom Realterrain zum Naturraum selbst transportieren sollen, in einer sensiblen, aber unromantischen Poesie. Diese Choreographie der Begegnung mit einer Natur ohne Mensch und Technik, wendet eine kombinatorische Praxis an, die die Künstlerin auch in der Zusammenarbeit mit Tänzerinnen fortsetzt, in künstlerischen Ausdrucksformen wie Performances mit Objekten, in denen sich die Ausdrucksformen begegnen und bereichern sollen. Mitunter gibt es Arbeiten mit direkten kulturellen Bezügen, etwa ein Schiff, das auf die Flüchtlingskatastrophe vor Lampedusa verweist, aber grundsätzlich gilt es eher, die kulturellen Überlagerungen von Formassoziationen zu vermeiden, um zur Frage durchzudringen, was eine reine Natur noch bedeuten kann, sofern man sie überhaupt noch auf dieser Welt antrifft. Erfahrungen, die selten zu werden drohen und in der die Natur ganz spielerisch Lehrmeister und Formvermittler sein kann, in mikroskopischen und in kosmischen Dimensionen, in unendlichen Dimensionen und in vergänglichen Spuren. Es geht um Naturmalerei, nicht um Landschaftsmalerei, um Ausdauer in der Betrachtung und Detailbeobachtung, um sichtbar gemachte Einfühlung und gemalte Zeit.

Text: Dr. Dirk Tölke, Kunsthistoriker, Aachen, den 02.02.2014